ZUM ABSCHIED VOM VATER
Audio-Visuell-Literarisches Performance-Projekt
Robert Riedl / Klaus KaRaSu Schrefler / Dr. Nachtstrom, Dietmar Tschmelak

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© KaRasu
Text - Robert Riedl

 

Ljubljana, am 28. Juli 1991

Und am Tag des 50sten Geburtstages meines Vaters betrachte ich zu Hause (im Haus meines Vaters) das erste Mal, wie mein Vater weint. Und ich denke nicht, es ist ein Symbol für die ganze Sprachlosigkeit meines Vaters zum Abschied vom jüngsten Sohn (oder es ist ein Symbol für das ganze Leben des Vaters zum Abschied vom letzten Sohn). Denn es bedeutet nichts weiter, denke ich, und es sind nichts weiter als Gebärden des Vaters, denke ich, die ich als Weinen des Vaters zum Abschied vom letzten Sohn als 19jähriger zum allerersten Mal betrachte (es ist meine Angewohnheit, besonders den Mund von Menschen zu betrachten, wenn ich Menschen verabschiede). Vatermund, denke ich (weil ich – ohne zu wissen weswegen – an Muttermund denken mußte), und ich schreibe es in meiner fahrigen Handschrift ins sogenannte Kriegstagebuch, und Mundmeinesvaters. Nichts weiter. Es sind unverstehbarere Worte des Vaters von auffallender Zaghaftigkeit, denke ich, Mattheit und Schwäche, die ich höre (zum Abschied vom Vater), es ist die väterlichere Traurigkeit im Geducktsein meines leiblichen Vaters mit dem künstlichen Hüftgelenk, denke ich, von dem ich die Körperseite nicht genauer zu betrachten weiß, wie ich es betrachte (zum Abschied vom Vater), wenn sich der Vater zum Abschied von mir in schräg unbetrachteterer Haltung wegdreht, weiter nichts, gewiß, keine Träne, welche ich erinnere, bevor eine weinerlichere Stimme des Vaters zum Abschied versagt, und ich denke, es ist nichts als ein weiterer Grund meiner Abreise. Ich will zwei Dinge dem Vater sagen, und ich kann die zwei Dinge meinem Vater sagen. Das erste Ding ist seine Sache mit dem Alkoholismus. Das zweite Ding ist die Sache mit meiner Dankbarkeit. Und es ist ein Anfang (zum Abschied vom Vater).

 

 

Dubrovnik, am 5. August 1991

 

(Vorauseintrag am 28. Juli 1991

Vatermund

Mundmeinesvaters)

 

Nachtrag am 13. August 1991

Und mein österreichischer Reisepaß war tatsächlich im Besitz eines Mannes namens Franz Zivkovic, wohnhaft in der Bruna Busica acht am Herzen von Dubrovnik, und ich denke, es soll mein Vorbild namens Franz Zivkovic für die gefälschten Reisetagebücher jenes Franz Zivkovic werden, die er in meinem Einzelzimmer für seinen unwirklichen Sohn namens Robert  Zivkovic schreibt, um zum Abschied vom Vater zu kommen, und weiter nichts. Und er wird für sein Einzelzimmer in der Boskoviceva 14 im Altstadtkern von Dubrovnik vom fünften August bis zwölften August bezahlen, und er wird alles (zum Abschied vom Vater) sagen, um den unwirklichen Vater namens Franz Zivkovic als unwirklicher Sohn namens Robert Zivkovic in seinen gefälschten Tagebüchern betrachten zu können, und um in einer genauen Woche im Namen Franz Zivkovics seinen Sohn namens Robert Zivkovic verabschieden zu können, um die Sache mit seiner Dankbarkeit endlich zu sagen, und nichts weiter.

Nachtrag am 5. August 1992

Vaterträne

Tränemeinesvaters

 

Krk, am 29. Juli 1991

Und ich denke, ich spreche es endlich dortorts aus, ich denke, ich reise nach Dubrovnik, um endlich über Dubrovnik (zum Abschied vom Vater) zu kommen, und ich schreibe, natürlich, ich wünsche, der Vater liest es, ja, was sein letzter Sohn in Dubrovnik (zum Abschied vom Vater) ausspricht, denn ich kann es endlich (zum Abschied vom Vater) sagen, und meine Empfindungen für den Vater ansprechen, und alle Abarten meiner Empfindung gegen den Vater aussprechen, wenn es auch nichts als eine weitere wutgeladene Schlacht des Sprechens zwischen dem Vater und seinem letzten Sohn sein wird, und wenn es auch, denke ich, eine weitere haßgeladene Schlacht des Schweigens zwischen dem Vater und seinem jüngsten Sohn werden wird.Und ich denke, die Dummheit meines Vaters verhindert, alles (zum Abschied vom Vater) zu verstehen. Ich denke an eine bestimmte Dummheit des Vaters, wenn der Vater alles liest, was der letzte Sohn (zum Abschied vom Vater) schreibt, und wenn der Vater nichts verstehen kann, was der letzte Sohn (zum Abschied vom Vater) sagen will, und ich denke an eine bestimmte Dummheit des Vaters, wenn der Vater alles lesen will, was der letzte Sohn (zum Abschied vom Vater) schreibt, und der Vater nichts liest, was der letzte Sohn (zum Abschied vom Vater) schreibt, und ich denke an eine ganz besondere Dummheit meines Vaters, wenn mein Vater von irgendeinem Vorhaben spricht, das mein Vater nie unternimmt. Und wenn der Vater von der Dummheit des letzten Sohnes spricht – es beleidigt mich nicht, selbst wenn mich der Vater wieder beleidigen will, und, ja, es kränkt mich nicht, selbst wenn der Vater mich wieder kränken will, in der Tat, wenn der Vater von der Dummheit des letzten Sohnes spricht, wenn mein Vater liest, was sein letzter Sohn (zum Abschied vom Vater) schreibt. Das ist alles. Und meines Vaters Sache mit dem Alkoholismus betrachte ich als weiter nichts als die Sache des notwendigen Scheiterns im Alltag des Vaters, wenn der Vater im 31sten Lebensjahr zur Jahreswende vor meiner Dienstag-Geburt am 25sten Januar 1972 mit der Angewohnheit des Rauchens aufhört, und der Vater im 31sten Lebensjahr zur Jahreswende vor der Nacht-Geburt seines letzten Sohnes am 25sten Januar 1972 das Trinken zur Gewohnheit macht, und die Gewohnheit dieses Trinkens des Vaters betrachte ich seit ich geboren bin, und ich denke, ich kenne zwei leibliche Väter, jawohl, ich habe einen richtigen wirklichen Vater (zum Abschied vom Vater), und ich habe einen richtigen unwirklichen Vater (zum Abschied vom Vater), und ich denke, ich besitze zwei richtige leibeigene Väter, und weiter nichts.


Bruna Busica, am 4. August 1991

Und ich bin im Besitz des jugoslawischen Reisepasses meines unwirklichen Sohnes namens Robert Zivkovic, geboren am 28sten Juli 1941, nein: geboren am 25sten Januar 1972, und ich denke, es ist mein unwirklicher Sohn, und weiter nichts. Und ich stehle ebenso den jugoslawischen Staatsbürgerschaftsnachweis meines unwirklichen Sohnes aus seinem Einzelzimmer im zweiten Stockwerk, und ich entwende mit der jugoslawischen Geburtsurkunde meines unwirklichen Sohnes noch den jugoslawischen Meldezettel meines unwirklichen Sohnes. Alles ist auf meinem Schreibtisch ausgebreitet, und ich beginne das gefälschte Kriegstagebuch des Robert Zivkovic (zum Abschied vom Vater). Und ich spüre, wie mir jemand sanft auf die rechte Schulter klopft, und ich drehe mich bedacht, um den Besitzer dieser zärtlichen Hand zu betrachten, und ich betrachte meinen unwirklichen Sohn in der tiefblauen Uniform eines Soldaten (nein: blau und weiß und rot). Ich bin vom Anblick der feierlichen Erscheinung meines unwirklichen Sohnes überrascht, und ich möchte meinen unwirklichen Sohn nach dem Grund für seine unerwartet uniformierte Kleidung fragen, und ich beginne, warum – ? Und mein unwirklicher Sohn schlägt mich mit einer betäubenden Ohrfeige vom Sessel, und ich will fragen, weshalb, und mein unwirklicher Sohn schlägt mich mit diesem rücksichtsloseren Faustschlag in mein Gesicht vollkommen zu Boden, und ich denke noch, weswegen, und mein unwirklicher Sohn prügelt unerbittlich schweigend in tausendfachen Faustschlägen auf mich ein, und ich höre nur noch in meinem vor dumpfem Schmerz brennenden Kopf das endlosdumpfe Schlagen in mein Rückgrad, und die unausweichlich sich beschleunigende Wiederholung dieses unwirklichen Schlaggeräusches wird immer ferner, und diese grausam harten Schläge werden von der näherkommenden Wahrnehmung meines langsamen, ja, schweren Herzschlages verdrängt, und ich bin vollkommen unfähig zu atmen, und ich bin vollkommen unausweichlich unfähig zu denken, und ich bin eine leblose Bewegungslosigkeit am Boden, die den Anprall aller Zertrümmerungen meines Körpers wie totes Fleisch dämpft. Und auf einmal wird es still. Und ich bin wach. Und ich habe diesen schrecklichen Geschmack einer gähnenden Leere in meinem Mund. Und ich habe in meinen erdrückenden Schluckbewegungen diesen unbeschreiblichen Durst, wenn ich mit vollkommen verschwitztem Rücken aufgewacht bin, ja, in schweißgebadeter Leiche liege ich plötzlich da. Ich habe in höchster Kindesangst vor dem Morgen diesen einen zwanghaften Immergedanken namens Heutenacht.

 

Zadar, am 30. Juli 1991

Und es ist nichts weiter, es ist nichts weiter, als meines Vaters Sache mit seinem Alkoholismus zu betrachten, ich betrachte meinen Vater ganz in der ganzen Wirklichkeit des unergründlich erdrückenden Schweigens meines Vaters über meines Vaters ganzen Alkoholismus, und ich betrachte meines Vaters ganzer Familie erdrückend unergründliches Verdrängen meines Vaters unergründlich erdrückendes Schweigen über den ganzen Alkoholismus meines Vaters in meines Vaters ganzer Familie. Und meine einzigartige Sprachlosigkeit vor dem Vater. Ich muß es sagen, denn ich will einem Vater seine Sache mit dem Alkoholismus sagen, und ich sage dem Vater meine Sache mit der Dankbarkeit (zum Abschied vom Vater). Und. Faulesau. Ich muß es schreiben, meines Vaters letzten Sohnes einzigartige Sprachlosigkeit, Faulesau, ich schreibe, Faulesau, ich schreibe, Faulesau. Und (zum Abschied vom Vater). Ich betrachte das Weinen meines Vaters zum Abschied vom letzten Sohn das erste Mal, und ich betrachte meines Vaters Mund mit stärkerem Ausdruck eines Weinens meines Vaters, Faulesau. Und es sind unverstehbarere Worte meines Vaters von auffallender Zaghaftigkeit, Mattheit, Schwäche, die ich (zum Abschied vom Vater) höre, Faulesau, Faulesau, Faulesau. Es ist eine versagende Stimme meines Vaters aus der unausweichlichen Übersensibilität im ganzen Leben meines Vaters, es ist eine versagende Stimme meines Vaters aus der unausweichlich tiefen Einsamkeit im ganzen Leben meines Vaters, und es ist eine versagende Stimme meines Vaters aus der unausweichlich ganz großen Bedeutungslosigkeit des ganzen Lebens meines Vaters, und ich höre, Faulesau, und ich höre das unausweichliche Weinen meines Vaters. Und ich höre keine winzige Andeutung einer Beschimpfung (zum Abschied vom Vater), ich denke bloß an die ekelhaft widerwärtig hinterhältig heimtückisch heimlicheren Beschimpfungen meines Vaters, und ich erinnere bloß die ekelhaft widerwärtig hinterhältig heimtückische Verlogenheit meines Vaters, ich erinnere bloß die ekelhaft widerwärtig hinterhältig heimtückische Scheinheiligkeit meines Vaters (zum Abschied vom Vater), und ich betrachte das unausweichliche Weinen meines Vaters zum Abschied vom letzten Sohn das erste Mal, weiter nichts.

Vor dem Ortsschild vor Dubrovnik, am 3. August 1991

Ich betrachte das erste Mal salzige Lichtfäden im Wasserspiegel, wie die Meerzunge vor Dubrovnik Lichtspiegelungen um diesen metergroßheraus-ragend unbetrachteteren Stein webt, und ich betrachte meines Vaters Weinen das erste Mal. Und ich denke, es ist nichts als eine Lichtspiegelung, ja, keine weißlichen Lichtdiamanten, in der Tat, nichts weiter als Lichtspiegelungen von brechenden Wellen im Meer vor Dubrovnik, denke ich, kein tausendäugiges Weiß, jawohl, weiter nichts als Lichtspiegelungen von brechenden Wellen an der Küste vor Dubrovnik, und ich betrachte dieses Weinen meines Vaters als nichts weiter als das Weinen dieses ganz bestimmten Mannes namens Franz Zivkovic, geboren am 28sten Juli 1941, der irgendein Meer durch nichts als Fernseher, Kino, Dias, Fotografien, kurz: unwirklichere Bilder in meines Ichkanndochallesimfernsehersehers und Ichbinjaeinkrüppels ganzen Leben betrachten konnte. Ich betrachte wieder meines Ichkanndochallesimfernsehersehers und Ichbinjaein-krüppels Weinen, und ich betrachte meines Ichkanndochallesimfernsehersehers und Ichbinjaein-krüppels Weinen als meine vermutete Furcht meines Ichkanndochallesimfernsehersehers und Ichbinjaein-krüppels vor diesem unbekannt Unbekannteren meines Ichkanndochallesimfernsehersehers und Ichbinjaeinkrüppels, kurz: Furcht vor meines Vaters ungelebtem Leben, und meines Ichbinjaeinkrüppels eingeredeten Ausreden, meines Ichkanndochalle-simfernsehersehers und Ichbinjaeinkrüppels ein-geredete Ausrede und unausweichliche Lebenslüge, dieses ganz besonders aussichtslos provinziell arbeiter- und bauernkleinbürgerlich südoststeirische ganz besonders groß zwanghafte Leben meines Ichkanndochallesimfernsehersehers, Unmöglichkeit, Aussichtslosigkeit, Ausweglosigkeit, Abhängigkeit, Unveränderbarkeit, Unausweichlichkeit, Unfähigkeit, Unnotwendigkeit, Ängstlichkeit, Ohnmacht aus der einzigartigen Sprachlosigkeit meines Ichbinjaein-krüppels ganzen Lebens und Faulesau.

 

Murter, am 31. Juli 1991

Am Tag des 50sten Geburtstages meines unwirklichen Vaters hatte ich zu Hause das erste Mal den Mund meines unwirklichen Vaters und ein Auge meines unwirklichen Vaters betrachtet, und dieser Mund meines unwirklichen Vaters und dieses unwirkliche Vaterauge waren vertauscht, und mein unwirklicher Vater trug diesen ziegelfarbenen Hochzeitsstrauß müdgrauer Rosen in den unwirklichen Händen. Und es hatte dieses unmöglich wirkliche Gewimmel eines Schwalbenschwarmes über dem Haus meines unwirklichen Vaters geherrscht. Und der Dachstuhl am Haus meines unwirklichen Vaters war auf einmal eingeschlagen. Und ein leerer, ja, meeriger Wind hatte aus den zerschlagenen Fenstern meines Vaterhauses geweht, und aus allen Fenstern hatten überdimensionale Vorhänge aus purem Blauweißrot geweht; und dieser Wind war so leer wie der ganze ozeanische Tag. Und der ganze Boden war von flügellosen Tauben belagert, und die flügellosen Tauben hatten alle ein verletztes linkes Bein. Und sie humpelten zur Seite, als ich meinen unwirklichen Vater verließ (ich gehe weg, drehe mich einmal noch um, und mein linkes Bein setzt auf halbem Weg auf und sackt zusammen) – da sehe ich den Begräbniskondukt voller Narren aus meinem unwirklichen Vaterhaus kommen, und ich empfand die ganze Notwendigkeit, auf der Stelle rasend zu flüchten, und ich zertrat unzählige flügellose Tauben auf meiner panikartigen Flucht vor dem tränenlosen unwirklichen Vatermund, doch ich war auf derselben Stelle geflüchtet, und die Parade meiner unwirklichweinenden Väter mit dem gläsernen Kindsarg – kam näher und näher, meine unwirklichtränenlosen Väter kamen ganz nah, und ich flüchte auf der Stelle, und mein unwirklichster Vater ist auf einmal ganz ganz nah. Der Alkohol, den der Vater trinkt, höre ich ihn noch, nein: in der Stimme meines ersten Sohnes, ja, alles, hatte er gemurmelt, ist nichts als die Träne, die der Vater nicht weinen kann.

(Traum zum 31sten Juli 1991).


Fähre von Sucurai nach Drvenik, am 2. August 1991

Und die ganz besonders große Unfreundlichkeit namens Sprechen darüber wird mit der unausgewiesenen Fremdheit meiner Sprache in dieser Stadt noch verstärkt. Doch es beruhigt mich eigenartig, die Muttersprache, nein: Muttersprachen, die hier gesprochen werden, nicht zu verstehen. Doch selbst im Hier ohne Muttersprache und im Jetzt ganz ohne Vaterland kann ich verstehen, was dieser höchstwahrscheinlich slowenische Vater seinem Kind sagen will, das wie für ein unterbelichtetes Familienfoto in der wolkenerbleichten Straße erstarrt, wo das rosiggraue Kleinauto hineinbrauste, das es überfahren hätte, ganz gewiß, auf dieser lichterdüsterten Straße, jawohl, vom fallenden Tagesschatten verdüstert. (Der Blinker des Kleinwagens mit serbischem Kennzeichen leuchtet noch beinahe mit solch Geschwindigkeit auf, wie er mit dem Aufleuchten auch schon eingebogen war, und gleichgültig blinkend und davonbrausend undsoweiter.) Ich betrachte die Zärtlichkeit im linken Ohrläppchen eines Mannes, die ich in der ganzen Zärtlichkeit dieses Mannes betrachte, wie ich sie gewiß manchmal für alle ganz gewöhnlichen Menschen empfinde, wie ich es manchmal gewiß betrachte, und wie man es für die ganze Gewöhnlichkeit eines Familienoberhauptes empfinden kann, wenn der Mann am Nachbartisch in der quadratischen Reihe aller individuellweißen Farben im Kunststoff der Caféhaustische mir seinen ganzen Rücken zuwendet, der, aber gewiß, mein wirklicher Sohn sein könnte. Und ich denke, was wäre aus mir geworden, wenn ich das starke Rauchen vor 20 Jahren nicht beibehalten und das Trinken angefangen hätte, und was wäre aus mir nur geworden, denke ich, wenn ich geheiratet und einen 20jährigen Sohn hätte, und wenn ich das Tagebuchschreiben Silvester 1972 nicht zu einer unausweichlich großen Notwendigkeit meines Lebens gemacht hätte?

 

Dubrovnik, am 5. August 1996

Jawohl, ich bin eine einzigartige Empfindung namens Heimat in Augenblicken zwischen Abreisen und Ankommen, wo mein volles Bewußtsein als Franz Zivkovic, geboren am 28. Juli 1941, das ganze Selbstbewußtsein eines Reisenden im zentralen Standpunkt des Reisens mit diesem bestimmten Gefühl von dreifacher Unabhängigkeit erreicht: namens Unabhängigkeit vom Reisekoffer, und namens Unabhängigkeit vom Reiseziel, und namens Unabhängigkeit vom Heimkehrpunkt (mein Rücken, denke ich, ist dann der brache Acker, gewiß, und der Augenblick der zärtliche Pflug darauf, oder so ähnlich). Mancherorts bedeutet es eine spürbare Erleichterung im flüchtigen Überlegen, denke ich, wegen der Heimreise abgereist zu sein, gewiß, eine in Augenblicken empfundene Illusion des Herauskönnens aus der eigenen Haut (ein Sich-ganz-Häuten in ein neues Sich-neu-Häuten, denke ich, und schließlich ins Gefühl namens Immer wieder sich wieder neu ganz Häutenkönnen, jawohl, aber doch, natürlich, nie ganz aus der eigenen Haut herauskönnen) – es ist mein Gefühl von Heimat, denke ich, in der Tat – wenn ich meinen Begriff von Heimat in der ganzen Bedeutung für mein Leben namens Franz Zivkovic, jawohl, geboren am 28. Juli 1941 denkend empfinde, und wieder lernen, gewiß, das Vergangene verlernen zu können, und Morgiges ganz ohne Erwartungen zu sehen, diese ganz bewußte Wahrnehmung meines großen wahren Heimkehrenkönnens, ohne daran zu glauben, natürlich, ohne einem Begreifen, wie alles auch in diesem Trick funktionieren kann, wie es gewesen sein wird, und dennoch nichts bedeutet, in der Tat, die Ankunft eines Überalls meiner Träume namens Heimfinden, mein Erwachen am Rande des Unterbewußtseins in einem Ort namens Hier – nirgendwo: im zentralsten Standpunkt des Reisenden, denke ich. Meine Heimat ist meine Reise, und meine Reise ist die stete Veränderung meines Horizontes. Und ich finde in meiner linken Hosentasche den Durchschlag für das erste Ticket meiner Fähre, das diese Seite namens Dubrovnik, am 5. August 1995 einmerkt (nicht ganz zufällig, meine ich), und ich lese darauf das Datum, während mich eine bestimmte Angst wiedererobert, gewiß, mehr eine nicht ganz unbegründete Ängstlichkeit von der Zahlenfolge namens 1, 8 und 1991.

 

Fähre von Split nach Stari Grad, am 1. August 1991

Am Tag zum Abschied vom unwirklichen Vater in mir betrachte ich das erste Mal das errektierte Geschlechtsteil meines letzten Sohnes, und ich habe meine höchste unwirkliche Vaterangst, meine gegenwärtigste Angst, meine körperlichste Furcht, meine metaphysischste Furcht vor meinem jüngsten Sohn, denn ich weiß, ja, daß mich mein letztes Kind brutalst vergewaltigen wird. Und mein unwirklicher Sohn packt mich bereits an meinen Haaren, und dieses Packen skalpiert mich beinahe, und mein unwirklicher Sohn stopft sein überdimensional errektiertes Geschlecht in meinen Mund, den er mit Daumen und Zeigefinger einer Hand vollkommen nebenher zur kompromißlos kapitulierenden Aufgabe zwingt, und er stopft alles von seinem gewaltigen Geschlecht in meinen zerplatzenden Kopf, und die riesigen Geschlechtsteile meines unwirklichen Sohnes werden größer und riesenhafter in meinem Kopf, und mein Kopf droht vollkommen unausweichlich zu explodieren, und mein unwirklicher Sohn beschimpft mich, Faulesau, und mein unwirklicher Sohn kommt in der vernichtenden Wiederholung seiner haßgeladendsten Worte, Faulesau, Faulesau, Faulesau, jawohl, zu seinem sexuellen Höhepunkt, und mein unwirklicher Sohn beschimpft mich im sexuellen Höhepunkt meines unwirklichen Sohnes, Faulesau, Faulesau, und mein unwirklicher Sohn, Faulesau, und ich weiß es auf einmal wieder: aus der ersten Paarung zwischen meinem jüngsten Sohn und mir entsprangen Schreck, Handwerk, Zorn, Hader, Lügen, Flüche, Rache, Maßlosigkeit, Streit, Vertrag, Vergessen, Furcht, Stolz, Schlacht, und natürlich, aller Krieg.

 

Fähre von Split nach Stari Grad, am 1. August 1997

Ich bin das offene Meer, da ich mich verändere wie das offene Meer, und weil ich ganz gleich bleibe wie das offene Meer. Doch natürlich ist das offene Meer nichts als das offene Meer, und ich bin nichts anderes als nichts, und nichts weiter, jawohl, und – nachdem ich auf meiner Jadrolinja eine Toilette zum erstenmal auf offener, sogenannter hoher See benützte – lese ich meine Notiz auf Krk.

ZWEITES GEDICHT

(zur Betrachtung einer Reise

über Dubrovnik zu nichts)“

Mein unwirklicher Vater ist nichts.

Ich bin das salzigere offene Meer.

Ich bin das salzigere offene Meer,

da ich mich in der Oberfläche verändere

wie das salzigere offene Meer.

Mein unwirklicher Vater ist nichts

als mein unwirkliches Kind, und auch

mein unwirkliches Kind ist niemand.

Ich bin das salzigere offene Meer,

und weil ich im Grunde ganz gleich bleibe

wie das salzigere offene Meer. (Ich kann es auch

meinem unwirklichen letzten Sohn sagen:

Er ist nichts,

denn ich bin nichts anderes als

nichts,

denn das salzigere offene Meer ist nichts

als das salzigere offene Meer und alles, es ist

nichts.)

Und es ist nichts.

Meine unwirklichen Kinder bedeuten nichts.

Ich bin das salzigere offene Meer und.

 

Murter, am 9. August 1991

Am Verzweifeln kann sich mein Betrachten wieder beteiligen, wenn es an benetzte Fenster klopft von innen, draußen entbrannter Regen aufhört, während ein dichter Begräbniskondukt zerrissen eine rote Ampel passiert.

Lachende Kurven.

Eine Parade Spaßmacher zieht im Gleichschritt vorbei, das Leben geht vorbei, ein Begräbniskondukt mäandert geordnet meinem Friedhof entgegen, das Ende trägt einen lustigen Sarg mit bemalten Kränzen von Herzen. Man ist weit, weit davon entfernt, schon viel zu weit, der Zug der Clowns marschiert weiter. Man bleibt stehen. Vor ausgestorbenen Stadtteilen hält man, Häuser, die in tagelangem Zeitraffer vor dem Abgrund stehen.

Abbruch.

»Ich kannte ihn nicht«, antwortet eine geschlechtslose Stimme hinter meinem Rücken. Man dreht sich. An einen weißlich überschminkten Tränensack wird ein verwirrter Blick gestellt, der einem zuerst auffällt, ein erstes Vorurteil in einer Vermutung auftaucht, widerwärtige Physiognomie wortwörtlich mit einem Gedanken, ein durchgehender Widerspruch in sich, ein einseitig aufgemaltes Lachen, blutig nachgezogene Lachfalten eines alten Mannes man denkt, von der ganzen Menschheit ausgelacht zu werden. Der Grund? Was ist er?

»Er soll Clown gewesen sein. Der Tote. Einer der besten.«

Murter, am 31. Juli 1997

Meer ... Es ist der entfernteste Horizont, und es ist der tiefste Ausblick ... Offenes Meer ... Jawohl, im Ausblick des offenen Meeres liegt das Einverständnis, in der Tat, mit dem Horizont auf derselben Höhe zu sein – vielleicht. Gewiß aber sind Ortsveränderungen Variationen auf Distanz und Tiefe im Horizont der Gewohnheiten. Gewohnheiten sind die Reflexe des Alltags. Und Alltag ist die Musik der langen Gewohnheit,und man spricht so schön von der Macht der Gewohnheit. Und mein Tagebuch ist das unlinierte Notenalbum meines Alltags, an dem ich aus gewolltzwanghafter Angewohnheit unausweichlich alltägliche Bedeutungspartituren für mein ganzes Leben als Franz Zivkovic im 57sten Lebensjahr komponiere, in der Tat, ich komponiere es, natürlich, ich notiere, und ich notiere. Und ich bin einer, denke ich, der seine Tage bis zum Tode notierend im Tagebuch auszählt – ich bin ein jemand geworden, der alles tageweise bis ins unausweichliche Sterben namens jetzt noch unbekannter Todeszeitpunkt notieren muß, und ich werde, jawohl, ein niemand gewesen sein. So ist mein Leben. In der Tat. Ich denke an die tiefen Nächte, die auf hoher See hereinbrechen, wie man so schön sagen kann, pure Nächte auf der unendlichäugigen Mittelmeerzunge, ja, sie ziehen zur Mitte herein, meine sternbeäugten Nächte, auf die Mitte zu, oder wohin auch immer, aber einwärts, und meine letzte Nacht, denke ich..., jawohl, so ein Augustabend nahe dem Hafen, wo der Himmel mehr süß als blau oder weiß oder rot ist, in der Tat, bittersüß wie eigenes Blut, oder riechbar süßrot, während ich eine ganz unbekannte Südfrucht indirekt vom Baum esse, natürlich, aus meiner rechten Hosentasche, und das offene Meer schmecke, gewiß, tief unter meiner Zunge und auf meinen Lippen.

Zadar, am 10. August 1991

Das professionelle Fallen gehört zur Berufung von Artisten, denkt man vor sich hin. Seichter Schritt trifft in zufälligem Hindernis eines geschwärzten Herzsteins auf Stillstand. ndlose Kindheit? Oder vermutet man erstmals Sicherheiten unter eingebrochenen Schritten im Alltag von Passanten, wenn sie gegenseitig Grüße verschreiben, Zungen in Kußformen öffentlich verabreichen, nur einmal einander grüßen, weggehen, sich einmal noch umdrehen, auf halbem Weg aufsetzen und zusammensacken?

Ein herzhafter Stein zappelt aus einem zerschossenen Fenster. Auf der Stelle schlägt meine Schläfe. Äderung in Augen, Ohren, Nase pocht schlagartig. Drei Kinder laufen mit Kichern weg. Vor dem Eingang warnt ein Schild aus gelbem Blech mit dem mattschwarzen Aufdruck Robert Zivkovic (28. Juli 1991 - 5. August 1991), gefallen in Dubrovnik, knirschender Glasstaub unter einigen Schritten, hellhörige Ohren. Im erdigen Stiegenhaus eines Abbruchhauses findet man sich wieder. Ein Abdruck aus Wasser taucht an der ersten Treppe auf, Salzwasser, denke ich. Ein zweiter staubt stiller auf. Ein Aufsetzen zerreißt ein geästetes Holzbrett mit Augen, eines erhält einen durchgehenden Bruch, eines gibt nach, eines kehrt in die ursprüngliche Position zurück, Feigenholz, 64 Stufen mal ein Paar ungeschickter Lackschuhe ergeben mindestens 116 Schritte, die 52 zur unversperrten Zimmertür im obersten Stockwerk inkludiert, im gefilterten Licht- und Laubwerk auf einem zerfransten Glasdach mit quadratischen Scheiben, die vergessen, Schatten zu werfen.

Man vergißt.

 

Zadar, am 30. Juli 1991

Und ich schreibe, ich will es im 20sten Lebensjahr nicht weiter betrachten, ich denke, ich kann im 20sten Lebensjahr nicht betrachten, wo der Grund meines Vaters Alkoholismus im Grunde liegt, und ich betrachte den ganzen Grund des Vaters beinahe-20jährigen Alkoholismus nicht, denn ich kann die ganzen Gründe des Vaters in der ganzen Wirklichkeit des Alkoholismus meines Vaters nicht betrachten, denn der Vater hat vom Grund meines Vaters ganzen Alkoholismus seinem letzten Sohn nichts gesagt, der Vater hat über einen Grund meines Vaters Alkoholismus meines Vaters Mutter bislang nichts gesagt (und ganz bestimmt niemals, denke ich, dem Vater meines Vaters, den ich nie kannte, etwas gesagt), der Vater hat über Gründe meines Vaters Alkoholismus meines Vaters Ehefrau seit 26 Jahren nicht etwas gesagt, der Vater hat die Gründe meines Vaters Alkoholismus mit meines Vaters Familie niemals besprochen, der Vater hat mit niemandem den Grund meines Vaters Alkoholismus besprochen, der Vater hat den ganzen Grund meiner Väter Alkoholismus nie gesagt, ja, und mein Vater, denke ich, wurde über irgendeinen Grund seines Alkoholismus noch nie gefragt. Des Vaters erdrückendes Schweigen über meines Vaters ganzen Alkoholismus seit beinahe 20 Jahren. Und nichts weiter. Und des Vaters ganzer Familie unergründliches Verdrängen über meines Vaters erdrückendes Schweigen des ganzen Alkoholismus meines Vaters in meines Vaters ganzer Familie seit beinahe 20 Jahren. Und es ist nichts weiter, es ist nichts weiter.

Krk, am 11. August 1991

»Kommen Sie!«

Frühe Stille.

Mein Haar wird abgestaubt, eine Erinnerung wird abgestaubt, meine letzte Begegnung wird abgestaubt. Ein Raum tritt aus kernigem Staub hervor. Schwalben fädeln durch herabgebrochene Fenster aus rahmigen Staub. Im Zimmer zerstaubt ein Flügel, wenn seine gespreizte Hand darin versinkt. Er ragt aus einem Imperium von Staub, Schutt, Ziegelstücken, welches sich wie zu einen Haufen aus reinen Zufällen vermischt. Der maskierte Mann stimmt ein offenes Piano. Es glänzt wie ein mit Seide gedeckter Tisch in hochelektrisiertem Schwarz. Bögen aus grauem Haar liegen drahtig zum Nacken. Der Mann trägt keine Schuhe. Bloße Füße zappeln auf blanke Pedale. Zwei Akkorde gehen. Eine Musik kommt. Man legt den Kopf in den Rachen eines aufgerissenen Fensters. Offene Fallen. Zwei Schüsse zerplatzen in sicherem Abstand. Eine Möwe schreit mit weiten Schlägen. Krähenschwärme. Sie legen sich über nachgiebige Gründe am meerseitigen Friedhof. Nichts flieht aus dem kleinstädtischen Knotenpunkt, der ins Meer führt. Versengtes Gras mischt sich in Straßendreiecken unter vergessenes Heu. Sirenen heulen auf, einmal. Ohne Hall hört die Musik auf. »Drei Minuten heulen Sirenen von Fabriken, Zügen und Schiffen«, schreit der Maskierte, greift in eine gebeulte Hosentasche, zieht eine Clownnase hervor, die, einem zugeworfen man reflektorisch fängt.

 

Krk, am 29. Juli 1991

Und am Tag des 50sten Geburtstages meines Vaters betrachte ich zu Hause im Haus meines Vaters das erste Mal den weinenden Vater als einen ganz unbekannten Menschen. Und ich weiß es – dieser kahlgeschorene Clown mit eitrigblutverschmierter Nase und Clownauge ist sein eigenes Kind.

Ljubljana, am 12. August 1991

»Sie bluten«, sagt er.

Unter einem blutigroten Hartplastik blutet man das erste Mal. Man nimmt es ab, will diese Clownnase aufs linke Auge stecken, legt sie zu zerknäulten Papiertaschentüchern in rechter Hosentasche. Meine Nase bleibt blutig, ein eitrigblutiger Clown.

Vor einem sarggroßen Abgrund kommen die Spaßmacher zum Stillstand. Man erstarrt im Blick. Ein schneeiger Geistlicher tritt androgyn aus dem Zirkus aus, ans ausgehobene Grab, eingegrabene Lackschuhe, die eine unscheinbare Spitze bilden, der linke eine Spur im Schnee, gleich Strandsand, zurückkreisend, wie eine wiederkehrende Schüchternheit Er zieht den Weihwendel, zieht zum Einsegnen des Begrabenen auf, bekommt Schwierigkeiten, rutscht an der gegrabenen Grube aus, stürzt auf den beerdigten König der Clowns.

Schreiender Friedhof.

Das Begräbniskondukt der Spaßmacher geht vor Lachen in die Knie. »Er trägt sein Lachen wie einen Maulkorb«, scherzt ein Pantomime. Dasselbe erzählt der Grabstein über den beerdigten Säugling. Er wird von Schnee begraben. »Fabel-aft!«, platzt die Pierrette zwischen Lachkrämpfen mit französischem Akzent heraus. Im Begräbniskondukt friert unaufhörendes Lachen ein. Ganz gefroren stille Lachmasken. Eisbrecher verheulen fern wie verlassene Väter.

Blickfeld zersplittert.

Auf der Stelle wie eine lautrauschende Muschel zersplittert eine wundervolle Stille.

Salven aus Maschinen durch vier Wände.

Schwalben schneiden panisch Luft wie ein fallendes offenes Eismeer dunkler Scheibenstücke. Der Himmel gleicht einem eingeschlagenen Spiegel über dem tiefsten, jawohl, entferntesten Horizont. Er bricht wie ein Abgrund. Ganz offenes Meer.

Salven aus Maschinen ins Zimmer.

Scharf kommt Wind auf. Ahornsamen mit meersalzigen Flügeln zappeln in Schwärmen herab. Aus der Ferne verhallen Schüsse wie von einer Hochzeit, eine allerletzte Wand bricht zusammen, Dachziegel greifen an, Schüsse fallen, ein Wald ist gefallen, Regen fällt, Abbruchhäuser brechen auf, Salven aus Maschinengewehren, im Zirkus brechen Tanzbären aus, serbische Tanzbären, Wildgänse brechen auf, Salven aus Maschinengewehren, man überwintert in klirrender Stille. Gefallenes Abbruchhaus mit Flügel.

Aufbruch!

Stillschweigen im nächsten Augenblick.

Oder Totschweigen.

Man erkennt – es ist mein Heimathaus. Man erkennt sich. Man hat ein doppelt offenes Ohr. Mein Mund steht offen. Er ist mein wirklicher Vater.

»Ich bin Tabu«, sagt er.

»Tabu ist mein voller Künstlername.«

Und ich bin wach.

 

Ljubljana, am 28. Juli 1996

 

(Nachtrag am 5. August 1996)

 

Süden beginnt noch einmal, nein: ganz neu auf einer ganz leer- und erstgedachten Seite namens Dubrovnik, am 5. August 1996 in meinem Leben. Und mein erster fünfter August namens Dubrovnik, am 5. August 1991 hat durch eine fast leere Seite die ganz eindeutige Bedeutung erst an einem Tag namens Schwarzau, am 5. August 1995 in meinem Leben (zum Abschied vom Vater) erhalten und dieser jungfräulicherste Jahres- und Feiertag namens 5. August 1996 ist nichts anderes als der pure Jahrestag namens offizielles Ende aller Kämpfe von 1991 bis 1995 der Republika Hrvatska im ehemalig kroatischen Jugoslawien, und nichts weiter. Denn es bedeutet nichts.

 

 

Dubrovnik, am 5. August 1991

 

(Vorauseintrag am 28. Juli 1991

Vatermund

Mundmeinesvaters)

 

Nachtrag am 5. August 1992

 

Vaterträne

Tränemeinesvaters

Am Tag meiner Heimreise werde ich in meinem Dubrovnik nach einer genauen Woche meinen unwirklichen Vater das erste Mal verabschieden, und ich notiere, ich werde wegen der Möglichkeit der Heimreise (zum Abschied vom Vater) reisen. Und ich werde von der Zimmerrechnung, für die ich bezahlt haben werde, nichts streichen, und wie man es auch so schön sagen kann, gewiß, ich werde keine Rechnung schriftlich mit meinem unwirklichen Vater begleichen, denn es ist keine Rechnung mit dem unwirklichen Vater zu begleichen, wenn ich alles meinem unwirklichen Vater vom Fenster meiner Boskoviceva in Dankbarkeit (zum Abschied vom Vater) gesagt haben werde, und ich werde einmal ins Herz von Dubrovnik gereist gewesen sein, um alles in Dankbarkeit zu notieren, um in meinen Kriegstagebuchnotizen namens Zum Abschied vom Vater am Ziel meiner Reise alle unwirklichen Väter endgültig verabschieden zu können, und um meinem wirklichen Vater näher zu kommen. Und ich notiere es, wo ich alles am Schreibtisch meines Fensters notiere, nichts weiter. Und ich bin am Ziel meiner Reise, denke ich, und ich weiß nicht, wo anfangen, ich bin vielleicht, nein: höchstwahrscheinlich bereits im Ziel, und wo anfangen?